AS Dissertationspreis 2024/2025

Dr. Kasimir Dederichs (University of Oxford, Nuffield College) erhält den Dissertationspreis 2024/25 der Akademie für Soziologie. Ausgezeichnet wird seine Dissertation „Who (Else) Is Involved? How Voluntary Associations Connect and Separate Us“. Die Jury — Ben Jann (Universität Bern), Gunnar Otte (Universität Mainz), Peter Preisendörfer (Universität Mainz) und Anina Schwarzenbach (Universität Bern) — würdigte den theoretisch originellen und methodisch stringenten Ansatz, der den gesamten Lebenszyklus von Vereinsmitgliedschaften untersucht. Teile der kumulativen Dissertation sind in internationalen, peer-reviewten Zeitschriften erschienen, darunter Gender & SocietySocial Networks und European Sociological Review.
In seiner Dissertation untersucht Dederichs inwieweit Vereine und andere zivilgesellschaftliche Organisationen – wie häufig in Makroanalysen zu gesellschaftlichem Zusammenhalt angenommen – Kontakt zwischen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen befördern. Er analysiert, wie homophile Tendenzen bei der Entscheidung zum Organisationsbeitritt (front door), bei den sozialen Dynamiken innerhalb von Organisationen (indoors) und bei Austrittsentscheidungen (back door), soziale Segregationsmuster zwischen und innerhalb von Organisationen hervorrufen. Seine empirischen Analysen stützen sich auf Panel Surveys aus Deutschland und den Niederlanden.
Zentrale Ergebnisse:
1. Die Zivilgesellschaft ist nach Geschlecht segregiert. Frauen und Männer engagieren sich in Organisationen, die zu traditionellen Geschlechterrollen passen und entsprechende Aufgaben über die Private Sphäre hinweg “erweitern”. Geschlechter-homogene Freundschaftsnetzwerke gehen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einher, Organisationen beizutreten in denen vorwiegend das eigene Geschlecht vertreten ist. (Link: https://doi.org/10.1093/esr/jcac013)
2. Menschen, die in Organisationen engagiert sind, haben größere soziale Netzwerke. Das liegt einerseits daran, dass besser vernetzte Menschen häufiger Vereinen beitreten und andererseits daran, dass die Beitretenden ihre Netzwerke weiter ausbauen. Aufgrund sozioökonomischer Disparitäten in der Partizipation, tragen Vereine in Summe jedoch nicht unbedingt dazu bei, Ungleichheiten im Zugang zu (status-hohen) Sozialkapital zu verringern. (Link: https://doi.org/10.1016/j.socnet.2023.07.004)
3. Zusätzlich zur ethnischen Segregation, die sich zwischen Vereinen beobachten lässt, sind die Kontaktmuster innerhalb dieser Organisationen häufig ebenfalls segregiert. Menschen ohne Migrationshintergrund knüpften weniger Kontakte in ethnisch diversen Vereinen und verlassen diese Vereine auch eher. (Link: https://doi.org/10.1093/esr/jcae047)
4. Sozioökonomische Ungleichheiten in der Partizipation in Organisationen reduzieren sich im Laufe des Übergangs von der frühen Adoleszenz zum Erwachsenenalter. Ein Grund hierfür ist, dass Jugendliche aus status-hohen Elternhäusern häufiger ein Studium aufnehmen, welches ihre Teilnahme in Vereinen dann zum Abbruch bringt. Nichtsdestotrotz sind auch unter jungen Erwachsenen diejenigen häufiger engagiert, die aus status-höheren Elternhäusern kommen. (Link: https://doi.org/10.1093/esr/jcac013)

Fazit: Vereine fungieren aufgrund von Sortierprozessen nicht automatisch als Orte, die Brücken über gesellschaftlich saliente Trennlinien schlagen. Zusätzliche Maßnahmen sind also notwendig, um das Integrationspotential von Vereinen auszuschöpfen.
Kurzbiographie: Kasimir Dederichs ist Postdoctoral Prize Research Fellow in Soziologie am Nuffield College, Universität Oxford, wo er bis von 2020 bis 2024 promovierte. Zuvor studierte er in Köln Soziologie und empirische Sozialforschung (Master) sowie Sozialwissenschaften (Bachelor). In seiner aktuellen Forschung untersucht er soziale Integration im Kontext von Vereinen, Nachbarschaften und Paarbeziehungen.
Zitat des Preisträgers: “Ich freue mich sehr über den Best Dissertation Award und möchte mich an dieser Stelle bei der Akademie für Soziologie und meinem Doktorvater Nan Dirk de Graaf bedanken.”